HPM 2022 ist Geschichte. Ein großer Dank an alle Mitwirkenden und das zahlreiche Publikum!

Allen Ausstellerinen und Ausstellern und unserem Ehrengast Fred Lautsch aus Stralsund wünschen wir eine gute Heimreise und zwei erfolgreiche und gesunde Jahre.

Impressionen 2022

Bilder von Karin Gubler, Percy Penzel und Urs Heinz Aerni

Buch- und Druckkunst Messe Frauenfeld

HPM

4. - 6. November 2022

"Blau" lautete das Motto der Ausgabe 2022

Hier geht es zum Programm- und Katalogheft 2022.


Im Eisenwerk präsentierte die Buch- und Druckkunst Messe Frauenfeld das Schaffen von rund 50 Mitwirkenden aus dem In- und Ausland rund um die Kunst der Typographie, Druckverfahren, Grafik, und Verlag Buch. Die Vorfreude auf 2024 macht sich bereits jetzt schon bemerkbar. Infos folgen.

 Stampiglien!


 

mündliche Intervention zur Eröffnung der 15. Frauenfelder Buch- und Druckkunstmesse.

Freitag 4. November 2022  von Hanspeter Müller-Drossaart

 

Um das gleich vorwegzunehmen:

Buchstäblich gesagt: 

Alles nur Stampiglien!

Die Stampiglie! Was ist das?

Aus dem austriakischen Sprachgebrauch die Bezeichnung für einen Stempel.

Vielfältig die möglichen, meist knappen Stempel-Abdrucktexte:

Offen! Erledigt! Bezahlt! Aber auch: Geheim! Chefsache! Abgewiesen!

 

Stampiglia humana!

Über den menschlichen Fußabdruck!

Ein paar Überlegungen zu unserer irdischen Hinterlassenschaft:

 

Wir stehen alle unter Druck! 

Da kommen wir nicht einfach so wieder raus! 

Das muss gerade hier,

verehrte Stampiglianerinnen und Stempelschneider, 

liebe, der Schwarzkunst hingebungsvoll ausgelieferte Gutenbergler*innen, 

muss das mit einem gewissen Nachdruck 

und nicht nur als klägliche Interlinearglosse, 

als vernachlässigbare Randbemerkung

in ungiftigen Bleisätzen moniert werden:

 

Wenn wir das nicht aufhalten können, 

Ich meine, wenn wir uns, 

dieses Homunkel-Monster nicht aufhalten können, 

aushalten kann uns die Erde gerade noch knapp, 

wenn wir unseren Ignoro-Lifestyle 

zwischen Fabrikmast-Riesenschnitzel, 

elektrischen Graskantentrimmer, 

nettgefixte Augen-zu-und-durch-Dröhnereien und 

mobilwahnsinnigen Kerosintrips

nicht endlich bereits in den Korrekturfahnen, 

sei es klein- oder grossgeschrieben, 

sei es mit Bodoni, Didot, Walbaum, 

in karolingischen Minuskeln oder SMS-simple Sprak, 

wenn wir unsere Begehrlichkeiten nicht endlich zurechtstutzen, 

einkürzen, zusammenstreichen,

sind wir bald nur noch unleserliche Fußnoten der Weltgeschichte:

Footprints of once upon a time! 

Fraglich ob die Erde uns vermissen würde!

Sie kennen die Pointe, 

wo die Erde einen andern Planeten fragt, 

was sie tun soll, sie habe Menschen, 

worauf der befragte Trabant antwortet: 

Hatte ich auch mal. Das geht vorbei!

 

Meister Rilke dichtete einst in seinem Poem «Herbsttag» euphorisch:

«der Sommer war sehr groß»

Er konnte nicht wissen, 

dass in dieser belobten Größe mittlerweile die Erderwärmung 

und unser Wirken zerstörerischen Prozesse in Bewegung gesetzt haben.

 

«Aber wir wollen uns doch nicht erpressen lassen, 

von all diesen Öko-Menetekler*innen,

die uns den baldigen Weltuntergang einreden wollen! 

Unsere Kühlschränke sind voll, 

und der russische Kriegssalat weit drüben irgendwo im Osten.

Diese Zeitungs- und Buchfritzen 

(oder sagt man jetzt auch Fritzinnen*?), 

die stehen doch alle unter Druck: 

Öffentlichkeitsdruck, Finanzdruck, weniger Inseratendruck,

folglich munteres Wahrheits-Beugen, Katastrophen-Infotainment.

Nicht umsonst heisst das Sprichwort: »Die lügen doch wie gedruckt!»»

Das war ironisch-sarkastisch gemeint, meine Damen und Herren!

 

«Befiel den letzten Früchten voll zu sein.

Herr, auf den Fluren lass die Winde los!»

fährt Rilke fort!

Nur ein Gedicht, schwarz auf weiß:

Kann man überlesen, überblättern, klar.

denn: diese göttlich-lyrischen Winde haben wir schon längstens im Griff,

pragmatisch ersetzt:

wir haben da unsere herbstlichen Laubbläser-Trupps. 

Kein Blatt mehr sicher! Sauber muss es sein! 

Bodeninsekten und Kleingetier weggeblasen adiöö!

 

Naturrettungs-Gedöns von rückwärts-gerichteteten Chupfer-Wulle-Baschtlings?

und die Non-Wokes?

die nicht ganz Politisch-Korrekten?

die unsauber Gendrigen?

eingetütet in neue Schubladen mit dem Aufdruck: Achtung! Falsch!

 

Alles nur Stampiglien?

 

Meine Damen und Herren:

Mit dem Kartoffelstempel fing es an. Sie erinnern sich: 

aus Bintje-Knollen herausgeschnitzt:

 Herzchen, Blümchen, Sterne, 

die bunt-bedruckten Servietten zum Muttertag. 

Später die Schulzeugnisse, Maturität:/ Lehre: stampiglia: bestanden, 

Ehevertrag: bestanden: familienbüchlein, Kindererziehung: bestanden, 

noch später die Gebrechlichkeiten: stehen noch bevor. Angedroht:

stampiglia: morgens und abends je eine Tablette. 

und dann die Erinnerung befragen nach den Ein-Drücken: 

War es das Was war das? Wo stehst Du? Wie stehst Du mit der Welt?

Was sagen die Stempel: Offen? Erledigt? bezahlt?

 

Alles nur Stampiglien? 

 

Meine kleine launige Intervention heute:

vielleicht ein weiterer, begrenzter Versuch, 

genauer hinzuschauen, einen kurzen Moment innezuhalten

sich selber, die eigene, mentale Textur zu durchschauen?

 

Meine lieben Freund*innen und Kupferstecher*innen:

 

Ich weiss, das würde ja den Rahmen sprengen...

Das ginge ja auf keine Kuhhaut.

 

Ich will Ihre Feierlaune nicht vermiesen

und Ihnen ephemere Weisheiten im offenen Flattersatz aufbuchbinden

oder gar Denkzettel hinter die Ohren schreiben...

Ich weiss doch: Auch Sie stehen unter Druck!

Und bevor hier gleich ein umfassender Druckabfall eintritt, 

weil ihnen das alles spanisch vorkommt 

und mein Latein eh gerade am Ende ist....

 

Liebe Gäste,

lassen Sie mich noch zum Schluss an einen Namensvetter erinnern, 

der mit seiner kunstvoll verzweigten Wohnstattkultur, 

seiner ornamentalen, labyrinthischen Innenarchitektur 

unwissend zwar, aber leider sehr effektiv das zentrale Fundament

des angesehenen hominiden Buchdrucker-Handwerks zerstört:

 

Ips typographus
 der grosse achtzähnige Fichtenborkenkäfer, genannt der Buchdrucker

vernichtet mit seinen für exzessives Liebespiel 

ins Holz geknapperten Rammelkammern und Larvengängen

die Grundmaterialien zur Zellulose- und Papiergewinnung.

 

In die Bäume tiefdruck-geschriebene Mementis an die achtlos

vorbeijoggenden Zeitdruck-menschen?

 

Frassbilder als Natur-Stempel?

stampilia naturalia?

 

liebe Buch- und Druck-Künstler,

Vielen Dank für Ihre Papier-Wertschöpfungen, 

Ihre Wasserzeichen-Zaubereien, 

Ihre bibernden Papeliers, 

ihre sonnigen Hoch-und Tiefdruckwerkstätten, 

ihre flötenden Leporelli,

ihre leserfreundlichen Risografien, 

ihre typisch typografischen, auch fetten Typen, 

ihre nachhaltige Zeichensetzung, 

was für kunstvolle Kommata! 

für ihr handgedrucktes Frauenlob in Frauenfeld, 

ihre tiegelgedruckte Katzengraben-Belletristik, 

ihre Verfechtung der gebissenen Wörter, 

für ihren tägerigen Druckgrafikstoffwechsel.

für ihre ungebremste bunte Leidenschaftlichkeit, 

schwarz auf weiss!

 

Die Bücher danken Ihnen!

Ich wünsche Ihnen buchstäblich 

drei ein-druck-liche Tage 

und gute Geschäfte

mit der Stampiglie: 

verkauft! verkauft! verkauft!

 

 

 

 

Hanspeter Müller-Drossaart, Frauenfeld am 4. November 2022 zur Eröffnung der 15. Buch- und Druckkunstmesse im Eisenwerk.

Hier finden Sie die Übersicht aller Austsellenden:

Der Parcour für die ganze Familie

Die Messe 2022

„In Frauenfeld lockt Schönes auf Papier und aus Papier“
Thurgauer Zeitung

 

Was ist die Frauenfelder Buch- und Druckkunst Messe?

 

Seit 30 Jahren alle zwei Jahre: Eine lebendige Schau alter Handwerke, zukunftsweisend angewandt: Bleisatz, Maschinenbleisatz Linotype, Handpressendruck, Papierschöpfen, Kupfertiefdruck, Buchbinden von Hand, Holz- und Linolschneiden – und natürlich die Produkte: hervorragend gemachte Bücher, Handpressendrucke, Einblattdrucke, Bucheinbände mit Ideen und Witz, fantastische hand- und maschinengeschöpfte Papiere, Marmorpapiere, Karten. Von gediegen bis verrückt, von Graumäuschen bis aufregend, von nostalgisch bis topmodern, von ausgefallen bis cool. Und dies alles steht nicht nur im Ausstellungsgewand; Sie können HandwerkerInnen beim Arbeiten zusehen. Sie können riechen, fühlen, anfassen. Sie können sich still vor sich hinfreuen oder mit den AusstellerInnen sprechen.

Wir haben HandpressendruckerInnen und HandwerkerInnen aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Italien, Frankreich, Irland und der Schweiz eingeladen.

 

Das Ganze ist eine einzigartige Werkschau von Büchern, Gestaltung, Drucken, Einbänden, Papieren, von Eigenwilligem und Außergewöhnlichem. Allerdings: Für jede neue Buch- und Druckkunst Messe müssen wir mehr tun als für die vorangegangene, um den hohen Standard von Qualität, Kreativität, Ausstrahlung und Besucherzahlen halten und verbessern zu können.